Sein gebrochenes Versprechen
Ich weiß nicht wo ich anfangen soll. Ich weiß nicht wie ich schreiben soll. Ich weiß nicht was ich fühlen soll. Ich habe fast jeden Tag überlegt ob ich es erwähnen sollte. Welchen der unendlich vielen Texte aus meinem Kopf. Sollte ich über ihn schreiben, sollte ich eher ihm schreiben? Oder vielleicht einfach über den Tod selbst. Ich getraue mich nicht wirklich weil es dann irgendwie noch realistischer wird, weil ich mich dann damit auseinander setzen muss. Aber die Wahrheit ist, dass ich das nicht will. Ich will es nicht verstehen und ich will kein Vergessen oder Verarbeiten. Ich will nicht darüber nachdenken und vorallem will ich nicht, dass mein Leben und meine Gedanken ohne ihn weiter gehen.
Ich getraue mich nicht zu sagen, was ich denke, aus Angst das er es hört und sich vielleicht ärgert oder von mir enttäuscht ist.
Als ich bei der Beerdigung war, war alles so leise zwischen all den vielen Leuten und ich habe mein Schluchzen in dieser extremen Stille gehört und bin mir auf einmal so wahnsinnig allein vorgekommen.
Ich habe mir gewünscht, dass es alles nur ein schlechter Scherz ist und er um die Ecke kommt und lacht. Ich habe mir vorgestellt wie ich all meine Energie in die eine Ohrfeige gepackt hätte. Aber er ist nicht aufgetaucht.
In der Kirche war die einzige Person die ich gerne bei mir gehabt hätte, nicht in meiner Reichtweite. Ich habe mich weg vom Sarg nach hinten gedreht, aber meine Augen waren zu nass um ihn zu erkennen und ich musste mir anhören, wie Leute über ihn reden die keine Ahnung haben. Ich habe mir vorgestellt, wie es wäre wenn jeder der mag nach vorne gehen kann und seine Erinnerungen erzähen kann. Ich konnte mich nicht entscheiden, was ich erzählen sollte. Der Sarg war so nahe und doch konnte ich nicht zu ihm. Ich war wütend. Wütend auf alle die ihn allein gelassen haben inklusive mir, und habe die Kirche schließlich mit Resignation verlassen.
Am Grab oben musste ich alleine hin und die Blume hinein werfen. Am liebsten hätte ich mich auf die Knie fallen lassen und ihn gebeten zurück zu kommen. Aber ich bin vorbei gegangen, ohne zu denken, ohne unter meinen Tränen zu stolpern.
Am 23.10.2008 um 09:45 ist mein Seelenverwandter gestorben und mit ihm ein Stück von mir. Ich fühle mich so leer, so verzweifelt und so wütend. Er hat mir versprochen egal wie weit wir voneinander getrennt sin, immer für mich da zu sein. Aber das ist unfair. Diese Strecke ist einfach zu weit. Ich bin dafür nicht bereit und er war es auch nicht also will ich mit den Füssen auf den Boden stapfen und befehlen, dass er gefälligst zurück kommen soll.
Ich erinnere mich an die Vergangenheit. Wie schön sie war und wie weh es getan hat, ihn nicht bei mir haben zu dürfen.
Er hat mich um Hilfe gebeten und ich konnte nicht ganz über meinen Schatten springen. Habe irgendwie immer die gewisse Distanz bewahrt. Wie sehr würde ich mir seine alte Umarmung wünschen. Er hat seine Arme von oben über meine Schultern geworfen und fest gedrückt. Ich wollte ihn da nie los lassen, weil ich mich in diesen Momenten sicher gefühlt habe.
Einmal hat er mir erklärt, dass ein Mensch verschiedene Arten von “ich hab dich lieb” sagen kann. Es gibt sie für den Einen, für die Haustiere, für die Familie und für beste Freunde. Er hat es zu mir gesagt und ich habe so getan, als ob ich es nicht gehört hätte. Weil ich es nie und von jemandem hören will aber als ich da stand an seinem Grab ist mir klar geworden wie blöd ich eigentlich war. Er wollte einfach nur jemanden haben, zu dem er seine Gefühle äußern kann und dieses eine mal hätte ich mich anders als sonst verhalten müssen. Als ich also vor seinem Sarg gestanden bin und dachte, ich könne nicht mehr atmen habe ich so laut geschrien, dass es all meine Gedanken verdrängt hat. Ich will es ihm sagen. Will das er zurück kommt.
Ich habe immer alles auf später verschoben. Alles für das Leben, dass ich eigentlich nicht führen will und jetzt ohne ihn nicht führen kann. Er war meine Freiheit. Die Erlaubnis an mich selbst zu glauben, dass diese schöne Welt teilweise in meinem Kopf existieren darf. Er hat so fest daran geglaubt, hat sich zum Schluss darin verschanzt und jetzt ist er weg. So als ob er aufgegeben hätte. Ich will nicht, dass er aufgibt. Ich will nicht das er weg geht.
Es hat so weh getan, als niemand da zu stehen. Niemand kennt mich wirklich. Niemand weiß wer ich eigentlich bin und ich frage mich, ob ich ihn seinem Leben wirklich existiert habe so wie er in meinem.Ich bin ein Traum in seiner Wirklichkeit sowie er ein Teil meiner.
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- Published:
- 11.5.08 / 11am
- Category:
- Alltagsgeschichten
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