Eine Entscheidung als Neuanfang

Seit dem ich mich erinnern kann, löst das Gefühl den Koffer zu packen und den Pass in die Tasche zu stopfen ein Kribbeln in meinem Magen aus. Es ist fast so, als ob ich das ganze Jahr über geschlafen hätte um die Zeit zwischen zwei Reisen zu überstehen. Ich liebe das Gefühl, sich zu entscheiden  weg zu fahren, das Internet stundenlang nach Informationen zu dem Zielland zu durchwühlen, und dann endlich die Koffer aus dem Keller zu zerren. Manchmal wenn ich nicht genau weiß, wo es mich hinverschlägt mischt sich ein klein bisschen Nervosität zu der Vorfreude, aber normalerweiße tanze und springe ich vorher herum und kann es kaum abwarten.

Ich liebe es zu verreisen. Das Gefühl, wenn das Flugzeug abhebt und man in den Stuhl zurück gedrückt wird. Dann gibt es kein zurück und ich weiß, dass in ein paar Stunden eine ganz andere Welt auf mich warten wird. Ich liebe es, alle anderen zu beobachten wenn sie hektisch ihre Taschen durchkrammen und nervös aus dem Fenster blicken und noch viel mehr liebe ich es zu wissen, dass jetzt eine bestimmte Zeit lang keine Vergangenheit da ist. Keine Gedanken, keine Probleme um die man sich Gedanken machen muss.  Alles dreht sich nur im die Gegenwart und ich sauge dieses Gefühl in jede Faser meines Körpers.

Man sollte also meinen, dass mein Entschluss ein Auslandssemester zu machen, genau dieses Gefühl in vervielfachter Menge in mir auslöst. Ich habe die Entscheidung getroffen, und ich war mir sicher, dass es so sein wird wie immer. Aber wie das Leben nunmal so spielt, ist nichts wie man es sich erwartet.

Nichts von der Vorfreude, nichts von dem Gefühl weg zu fahren. Statt dem bleibt ein verweigerndes und verängstigtes kleines Mädchen zurück, dass bei dem Gedanken alles hier aufzugeben unheimlich klein wird.  Ich schätze mal, dass passiert wenn man alle Probleme auf einmal lösen will. Ein Schock, ein Schlussstrich sozusagen unter all dem Chaos. Aber so schlimm gewisse Sachen auch waren, so schön waren auch andere Dinge.

Mir ist bewusst, dass die Zeit vergeht. Ich werde dort endlich mal einfach nur eine Studentin unter vielen sein. Kein Job der mich einnimmt, keine Männergeschichten die mich zum verzweifeln bringen, einfach nur ein Student mit all den Aufgaben die dazu gehören. Aber das Gefühl der Ablehnung ist größer als die Vernunft. Es erzeugt einen Knoten in meinem Hals und ich muss zusehen wie meine Freunde versuchen mit mir zu reden versuchen, aber ich sie einfach wegdrücke.

Es ist nicht die Herausforderung eines neuen Landes, sondern die Herausforderung eines gewünschten Neubeginnes. Es tut nicht weh, die Koffer zu packen um weg zu fahren sondern es tut weh, sie zu packen um die Sachen vorher nach Hause zu holen. Weg laufen ist keine Lösung - das habe ich in den letzten Jahren mehr als reichlich gelernt, aber sich zu stellen, ist so unendlich mal schwieriger.

Jede Entscheidung die ich treffe, erinnert mich an Vergangenes und an die damit verbundene Zukunft. Ich will keines von denen und doch kann ich nicht los lassen. Ich weiß, dass es keine Erwartungen an den Neuanfang geben darf, denn nur so kann ein neues, weißes Blatt entstehen. Ich darf keines der vielen Persönlichkeiten sein, die ich mir in den letzten Jahren zurecht gelegt habe, sondern muss einfach ich sein. Davor habe ich Angst. Wer weiß, was dahinter steckt :-)

Bei dem Gedanken was ich mitnehmen soll, bin ich zu einem logischen Entschluss gekommen. Nichts, was nicht wichtig ist. Nichts das mich aus macht. Den dieses Mädchen soll es so nicht mehr geben. Aus all diesen Persönlichkeiten soll nur mehr eines werden - nämlich 100% Ich.  Keine Schleifen, Ringe, Ketten. Keine Bücher, Klischees und Erwartungen. Einfach nur ein Semester in der Welt da draußen nur für mich.