Typisch Estland?

Also bei unserem Einführungskurs haben uns die netten Profs auf der Uni erzählt, dass man sich nicht wundern soll, wenn alle missmutig und verärgert durch die Straßen gehen. Hier gilt das Prinzip, schauen heißt unhöflich zu sein, also beachtet man nichts und niemanden. Schön und gut dachte ich mir. Das mache ich daheim auch so, also wird wohl nichts dabei sein. Das war jedoch bevor ich einen Fuß auf die Straße gesetzt habe.

Ich weiß nicht, ob ich jemals irgendwo soviele seltsame Menschen gesehen habe wie hier. Entweder Betrunkene die alle zwei Sekunden aufhüpfen, zur Tür der Bahn rennen und dann rausfliegen wenn sie aufgeht um dann auf allen vieren wieder rein zu kriechen. Oder rießengroße, Silberglitzernde Sambrerohütte einfach so auf der Straße zu tragen. Leute die etwas von Mode und dazu passendem Stil halten sollten sowieso nie herkommen und bei Regen haben die Leute hier viel zu enge Sandalen oder Flip Flops an. Sollte man in einem Bus einer alten Dame begegnen und ihr den Platz frei machen, dann wird man sehr misstrauisch angesehen. Entweder sie setzt sich erst gar nicht hin oder es kommt ein anderer Jugendlicher und schnappt ihr den Platz weg. Ich, als mitfühlende Bürgerin, weiß dann nicht was ich tun soll. Nicht aufzustehen fühlt sich falsch an, aber für das aufstehen wird man quasi bestraft. Sehr seltsam.

Das schöne ist hier jedoch, dass es sehr viele Paare gibt (oder besserg gesagt, man sieht sie). So kalt die Esten auch nach außen scheinen, untereinander gehen sie sehr liebevoll miteinander um. Liebespaare die sich halten, im Bus immer umarmen und einander ansehen, als wäre es mitten im Frühling. Oder ein kleines Mädchen das unaufgefordert ihren kleinen Bruder rauf und runter in den Bus hebt während die Mama daneben steht.Außerdem legen die Esten sehr viel Wert auf Blumen. Sie werden überall verkauft und sind vom Preis her relativ teuer aber es laufen immer Leute mit Blumen herum. Ich schätze, sie machen den trüben Wetter hier einfach Konkurenz und heben die Laune. In den Schoppingcenters findet man außerdem noch sehr viele Babygeschäfte und vorallem Haustierläden. Während man bei uns die 3 Läden vom Fressnapf suchen muss, findet man in Estland pro Einkaufszentrum mindestens 2.

Die Altstadt gefällt mir unheimlich gut. Es gibt zwar einen modernen, typisch stätdischen Kern aber die Altstadt ist geprägt von einem “mittelalterlichem Flair”. Der Boden ist uneben mit Steinen geplastert, die Häuser mit ihren Fensterläden und den spitzen Dächern. Viele Bars mit Tischen draußen, Kellner in einer “mitterlalterlichen Tracht” und dazu passende Musik und Holzläden. Sich windende kleine Steingassen und sogar hier jede Menge Touristen. Es ist nett hier und wenn es nicht schon kalt und regnerisch wäre würde ich jetzt draußen herum laufen und mir alles ansehen.

Der Gedanke an den Winter macht mir jedoch etwas zu schaffen. Kalt, dunkel und mürrische Leute. Perfekt für mich und meine rosarote Welt :-)